Verhindern Rabenvögel die Wiederansiedlung gefährdeter Arten?

„Rabenvögel verhindern, dass gefährdete Arten in ihre angestammten Lebensräume zurückkehren.“

teilweise zutreffend

Prädationsdruck kann Wiederansiedlungen erschweren, wenn der Lebensraum nicht trägt. Als Ursache des Scheiterns steht fast immer die Habitatqualität an erster Stelle.

Dieser Vorwurf kommt aus der Naturschutzpraxis selbst, und das macht ihn interessanter als die anderen. Wer ein Wiederansiedlungsprojekt betreut und die ausgewilderten Tiere reihenweise verliert, sucht nach dem Grund — und Prädatoren sind der sichtbarste Kandidat.

Der Vorbehalt ist berechtigt genug, um ihn ernst zu nehmen. Nur ist er selten die vollständige Erklärung.

Warum ausgewilderte Tiere besonders verwundbar sind

Wiederangesiedelte Individuen sind aus mehreren Gründen schlechter aufgestellt als eine etablierte Wildpopulation:

  • Sie kennen das Gebiet nicht. Deckung, Fluchtwege, sichere Schlafplätze müssen erst gelernt werden.
  • Nachzuchten haben unvollständige Feindvermeidung. Verhalten, das in freier Wildbahn durch Erfahrung und Vorbild geprägt wird, ist bei Handaufzuchten oft nur rudimentär ausgebildet.
  • Die Gründerpopulation ist klein. Was in einer großen Population ein statistisches Rauschen wäre, kann eine Gruppe von zwanzig Tieren auslöschen.
  • Es fehlt die Pufferwirkung. Etablierte Populationen fangen Verluste über Nachgelege und Zuwanderung ab. Eine Neuansiedlung hat beides nicht.

In dieser Konstellation kann Prädation den Ausschlag geben — durch Rabenvögel wie durch Fuchs, Marder, Wildschwein, Greifvögel oder freilaufende Hauskatzen.

Der entscheidende Punkt: Tragfähigkeit vor Ausbringung

Die international anerkannten Leitlinien für Wiederansiedlungen setzen deshalb vor der ersten Freilassung an. Zu prüfen ist, ob der Lebensraum die Art überhaupt tragen kann — und zwar nicht theoretisch, sondern in seinem heutigen Zustand:

  • Sind die spezifischen Habitatansprüche der Art erfüllt? Nahrung, Deckung, Brutplätze, Raumbedarf, Vernetzung zu Nachbarflächen?
  • Ist der Grund, aus dem die Art ursprünglich verschwand, beseitigt? Wenn Entwässerung, Nutzungsintensivierung oder Verfolgung fortbestehen, scheitert das Projekt unabhängig von jedem Prädator.
  • Wie ist die Prädatorengemeinschaft zusammengesetzt — vollständig, nicht selektiv auf die auffälligen Arten reduziert?
  • Sind Freilassungsverfahren gewählt, die Verluste minimieren: Eingewöhnungsvolieren, gestaffelte Freilassung, Vorbereitung auf Feindvermeidung, Schutz der ersten Bruten?

Wo diese Prüfung sauber gemacht wird, verschiebt sich der Befund regelmäßig: Was zunächst wie ein Prädationsproblem aussah, entpuppt sich als Habitatproblem mit Prädation als Symptom.

Wenn ein Eingriff erwogen wird

Es gibt Konstellationen, in denen ein zeitlich und räumlich befristetes Prädationsmanagement fachlich vertretbar ist. Die Bedingungen dafür sind allerdings anspruchsvoll — und sie werden in der Praxis häufiger genannt als eingehalten:

  • Es müssen tatsächlich hohe Prädatorendichten vorliegen, belegt und nicht vermutet.
  • Der Eingriff muss alle relevanten Prädatoren erfassen. Nur Rabenvögel zu entnehmen, während Fuchs und Marder unberührt bleiben, verschiebt lediglich, wer die Beute macht.
  • Er muss großflächig genug sein, dass keine Zuwanderung aus Nachbarrevieren nachfließt.
  • Er muss wirksam genug sein, dass die Prädationsrate messbar sinkt — sonst ist er reine Symbolik.
  • Er darf erst greifen, wenn habitatverbessernde Maßnahmen ausgeschöpft sind und nicht gereicht haben.
  • Er muss befristet sein, mit definiertem Ende und Erfolgskontrolle.

Und es gehört zur Ehrlichkeit dazu, den Tag danach mitzudenken: Unmittelbar nach Ende des Eingriffs füllen sich die Reviere wieder. Die Neuansiedlung muss also bis dahin so weit sein, dass sie den normalen Prädationsdruck aushält. Ist sie das nicht, hat man die Verluste nur verschoben.

Der grundsätzliche Einwand

Über die praktischen Fragen hinaus steht ein konzeptioneller Punkt: Die dauerhafte Entfernung von Beutegreifern erzeugt einen künstlichen Zustand. Prädation ist einer der stärksten Selektionsfaktoren überhaupt. Wo sie fehlt, überleben auch Individuen, die den Anforderungen ihres Lebensraums nicht gewachsen sind — mit Folgen für die Fitness der Population und für das Gefüge des Ökosystems insgesamt.

Ein Naturschutz, der eine Art nur unter Ausschluss ihrer natürlichen Feinde halten kann, hat sein Ziel nicht erreicht. Er hält ein Gehege ohne Zaun.

Fazit

Prädationsdruck kann eine Wiederansiedlung erschweren, und in eng umgrenzten Fällen ist ein befristeter Eingriff fachlich begründbar. Als generelle Erklärung dafür, dass gefährdete Arten nicht zurückkehren, taugt der Vorwurf nicht.

In der überwiegenden Zahl der gescheiterten Projekte war der Lebensraum nicht so weit, wie das Projekt es angenommen hatte.

Quellen

  1. IUCN/SSC (2013): Guidelines for Reintroductions and Other Conservation Translocations. IUCN Species Survival Commission, Gland.
  2. Madden, C. F., Arroyo, B. & Amar, A. (2015): A review of the impacts of corvids on bird productivity and abundance. Ibis 157(1): 1–16.
  3. Mäck, U. & Jürgens, M.-E. (1999): Aaskrähe, Elster und Eichelhäher in Deutschland. Schriftenreihe des Bundesamtes für Naturschutz, Bonn.

Stand: 25. Juli 2026 · zurück zur Übersicht