Stiehlt die Elster wirklich glänzende Gegenstände?
„Elstern stehlen glänzende Gegenstände und tragen sie in ihr Nest.“
widerlegtEin experimenteller Test fand keine Anziehung durch glänzende Objekte — im Gegenteil, die Vögel reagierten vorsichtig. Der Ruf stammt aus der Kulturgeschichte, nicht aus der Beobachtung.
Von allen Vorwürfen gegen Rabenvögel ist dieser der harmloseste — und der hartnäckigste. Er steht in Kinderbüchern, er ist sprichwörtlich, und er hat es bis in den Titel einer Oper geschafft. Kaum jemand käme auf die Idee, ihn zu überprüfen.
Genau das wurde gemacht.
Der Test
Eine Arbeitsgruppe an der University of Exeter untersuchte, wie Elstern auf glänzende Objekte reagieren. Der Aufbau war einfach: Den Vögeln wurden Häufchen glänzender und matter Objekte angeboten — Metallschrauben, Alufolienstücke und ihre farblich identischen, aber matten Gegenstücke —, jeweils neben einer bekannten Futterquelle. Getestet wurden sowohl Vögel in Gefangenschaft als auch frei lebende Elstern.
Wären Elstern von Glanz angezogen, müssten sie die glänzenden Objekte häufiger anfliegen, aufnehmen und wegtragen.
Das Gegenteil trat ein. Die Objekte wurden nur in einem verschwindend kleinen Anteil der Durchgänge überhaupt aufgenommen. Und die Anwesenheit der Objekte — glänzend wie matt — führte dazu, dass die Vögel zögerlicher an das Futter gingen als in den Kontrolldurchgängen ohne Objekte. Auf Glanz gab es keine erhöhte, sondern eher eine vorsichtige Reaktion.
Warum das plausibel ist
Elstern sind, wie alle Rabenvögel, ausgesprochen neophob: Sie reagieren auf unbekannte Objekte in vertrauter Umgebung zurückhaltend, oft über Tage. Das ist keine Dummheit, sondern eine sinnvolle Strategie für eine langlebige, intelligente Art, die sich Fehler leisten können muss. Ein unbekanntes glänzendes Ding ist für eine Elster erst einmal ein Risiko.
Was Rabenvögel tatsächlich häufig transportieren und verstecken, ist Nahrung. Eichelhäher legen im Herbst Tausende Eicheln in Bodenverstecken an und finden einen großen Teil davon wieder — eine Gedächtnisleistung, die zu den beeindruckendsten im Tierreich gehört. Krähen und Elstern verstecken ebenfalls Futter und beobachten dabei genau, wer zusieht. Das Interesse gilt der Speicherfähigkeit, nicht dem Glanz.
Dass gelegentlich doch ein Ring oder ein Löffel in einem Nest gefunden wird, spricht nicht dagegen. Elstern bauen große, aufwendige Nester und tragen dafür allerlei Material ein; einzelne kuriose Fundstücke sind Anekdoten, keine Verhaltensregel.
Woher der Ruf stammt
Der Vorwurf ist kulturgeschichtlich alt und literarisch verbreitet worden, lange bevor jemand ihn systematisch untersucht hat. Er passte in ein Bild, das ohnehin bestand: Rabenvögel galten als unheilvoll, listig und moralisch verdächtig — schwarz gefiedert, laut, Aas nutzend. Die «diebische Elster» ist ein Symptom dieser Zuschreibung, nicht ihre Ursache.
Interessant ist, wie langlebig sie ist. Die anderen alten Vorwürfe — Todesbote, Unglücksvogel, Galgenvogel — nimmt heute niemand mehr wörtlich. Der Diebstahl hat überlebt, weil er konkret klingt und harmlos wirkt.
Mehr zu dieser Zuschreibungsgeschichte unter Kulturgeschichte und Mythologie.
Fazit
Es gibt keinen Beleg dafür, dass Elstern von glänzenden Gegenständen angezogen werden. Der einzige gezielte experimentelle Test dazu fand das Gegenteil: Vorsicht statt Interesse.
Ein Vorurteil, das niemandem schadet — außer dem Ruf einer Art, die ihn seit Jahrhunderten hinterherträgt.
Quellen
- Shephard, T. V., Lea, S. E. G. & Hempel de Ibarra, N. (2015): "The thieving magpie"? No evidence for attraction to shiny objects. Animal Cognition 18: 393–397.
- Emery, N. J. (2016): Bird Brain. An Exploration of Avian Intelligence. Princeton University Press.
Stand: 25. Juli 2026 · zurück zur Übersicht