Was fressen Rabenvögel?
Generalisten mit saisonal wechselndem Speiseplan — und die wirksamsten Baumpflanzer im deutschen Wald.

Rabenvögel sind Nahrungsgeneralisten. Das ist der Kern ihres Erfolgs — und die Quelle fast aller Vorwürfe gegen sie.
Ein Generalist sucht nicht gezielt nach einer bestimmten Beute, sondern nimmt, was mit vertretbarem Aufwand zu haben ist. Das Nahrungsspektrum verschiebt sich deshalb im Jahresverlauf erheblich, und was in einer Untersuchung als Hauptnahrung erscheint, kann drei Monate später eine Randnotiz sein.
Das Spektrum
Wirbellose stellen über weite Teile des Jahres den Hauptanteil: Regenwürmer, Käfer und deren Larven, Schnecken, Spinnen, Raupen. Die typische Nahrungssuche der Krähen auf kurzrasigen Flächen zielt darauf.
Sämereien, Getreide, Früchte, Nüsse. Bei der Saatkrähe macht pflanzliche Kost sogar den größeren Teil aus — der Artname frugilegus, „früchtesammelnd“, trifft es besser als das Bild vom Nesträuber.
Aas. Beim Kolkraben ein Schwerpunkt, bei den übrigen Arten ein Baustein. Das ist eine ökologische Dienstleistung: Kadaver werden schnell aus der Landschaft entfernt.
Kleine Wirbeltiere — Mäuse, junge Ratten, Amphibien, Eidechsen.
Eier und Nestlinge. Vorhanden, aber saisonal eng begrenzt auf wenige Wochen im Frühjahr und in aller Regel nicht der Hauptanteil. Betroffen sind überwiegend häufige Arten wie Amsel und Wacholderdrossel. Warum das die Bestände nicht drückt, steht im Faktencheck.
Abfall. In Siedlungen ein wesentlicher Faktor — und damit der wirksamste Hebel, wenn man die Dichte in einem Wohngebiet beeinflussen will.
Die saisonale Verschiebung
Am besten dokumentiert ist sie bei der Elster: Über das Gesamtjahr gerechnet macht tierische Nahrung etwa die Hälfte aus, während der Brutzeit steigt ihr Anteil auf bis zu 95 Prozent.
Der Grund ist der Nachwuchs. Nestlinge brauchen Protein, und das liefern Wirbellose und tierische Kost. Sobald die Jungen selbstständig sind, verschiebt sich der Speiseplan zurück in Richtung pflanzlicher Nahrung.
Genau diese Verschiebung erklärt auch die Wahrnehmung: Nestplünderungen fallen im Mai und Juni auf, weil sie dann stattfinden. Wer daraus auf das ganze Jahr schließt, verallgemeinert eine Momentaufnahme.
Vorratshaltung
Mehrere heimische Arten legen Depots an, und in zwei Fällen hat das erhebliche ökologische Folgen.
Eichelhäher. Untersuchungen zur Hauptsammelzeit von rund zwanzig Tagen kommen auf bis zu 2.200 Eicheln je Vogel, hochgerechnet auf die Saison etwa 3.000 Stück oder rund 15 Kilogramm; einzelne Studien nennen 4.600 bis 5.000. Versteckt wird einzeln im Boden, oft weit vom Mutterbaum entfernt. Was nicht wiedergefunden wird, keimt — an Standorten, die für eine Eiche günstiger sind als der Schatten unter dem Elternbaum. Eichen können ihre schweren Früchte selbst kaum verbreiten; ohne Eichelhäher breitete sich der Eichenwald deutlich langsamer aus.
Tannenhäher. Legt Tausende Depots mit Zirben- oder Haselnüssen an und findet rund 80 Prozent davon wieder, auch unter geschlossener Schneedecke. Die vergessenen Depots sind der wichtigste Verbreitungsweg der Zirbe; ihre Ausbreitung in die Hochlagen hängt praktisch vollständig an dieser Art.
Krähen und Raben verstecken ebenfalls, allerdings kurzfristiger und weniger systematisch. Interessant ist hier weniger die Menge als das Verhalten dabei: Wer beobachtet wird, versteckt anders — siehe Intelligenz.
Was das für die Konfliktfrage bedeutet
Aus dem Generalismus folgt ein Punkt, der in der Debatte selten mitgedacht wird: Ein Generalist gibt die Suche nach seltener Beute auf, weil sie sich nicht lohnt. Wenn Rabenvögel ein Rebhuhngelege finden, liegt das in aller Regel nicht an gestiegener Vorliebe, sondern daran, dass es auf der deckungslosen Fläche unnatürlich leicht zu finden ist.
Deshalb führt der Weg zu weniger Prädation über Struktur in der Landschaft — nicht über die Zahl der Prädatoren. Ausführlich im Faktencheck zu Niederwild und Wiesenbrütern.
Quellen
- Wikipedia: Elster — Anteil tierischer Nahrung im Jahresverlauf und während der Brutzeit.
- Wikipedia: Eichelhäher — Zahl der versteckten Eicheln pro Vogel und Saison.
- Wikipedia: Saatkrähe — überwiegend pflanzliche Ernährung, Anteile.
- Mäck, U. & Jürgens, M.-E. (1999): Aaskrähe, Elster und Eichelhäher in Deutschland. Schriftenreihe des Bundesamtes für Naturschutz, Bonn.
Stand: 25. Juli 2026 · zurück zu Biologie