Die Dohlen (News von 1781)

Diese Voegel haben mit den Kraehen mehr Zuege der Aehnlichkeit als der Unaehnlichkeit, und da sie, wie diese, sehr nahe verwandte Arten sind, so ist es gut, bey denselben eine zusammen haengende und ausfuehrliche Vergleichung anzustellen, um mehr Licht ueber die Geschichte beider Arten dadurch auszubreiten.
Ich bemerke sogleich eine ganz besondere Gleichheit zwischen diesen beyden Gattungen der Voegel; denn eben so, wie es drey Hauptarten der Kraehen gibt, eine schwarze, (die Rabenkraehe), eine aschgraue, (die Mantelkraehe), und die kahle, (die Saatkraehe), so bemerke ich auch drey uebereinstimmende Arten 
oder Racen der Dohlen, eine schwarze, (die eigentliche Dohle), eine graue, und endlich eine mit einer Glatze. Es ist dabey bloß der Unterschied, daß die letzte aus Amerika ist, und das sie wenig schwarzes an ihren Federn hat; 
anstatt daß die drey Kraehen alle in Europa zu Hause gehoeren, und alle schwarz oder schwaerzlich sind.
Die Dohlen sind ueberhaupt viel kleiner als die Kraehen. Ihr Geschrey, wenigstens von unseren beyden europaeischen Dohlen, den einzigen, deren Geschichte uns bekannt ist, ist viel schaerfer und durchdringender, es hat solches augenscheinlich Einfluß auf die mehrsten Nahmen, welche man ihnen in verschiedenen Sprachen gegeben hat, als folgende: Choukas, Grakkus, Raw u.a. Aber sie hat nicht bloß eine Veraenderung der Stimme, denn man versichert mich, daß man sie bisweilen Tian, Tian, Tian, schreyen hoere. Sie leben beyde von Insekten, Saamen und Fruechten, und selbst, ob gleich sehr selten, von Fleisch. Aas ruehren sie aber nicht an, und haben nicht die Gewohnheit, sich an den Ufern aufzuhalten, um sich mit todten Fischen und anderen todten Koerpern, welche das Meer ausgeworfen hat, zu saettigen. Darin sind sie den Saatkraehen und selbst den grauen Kraehen aehnlicher, als den schwarzen Kraehen; aber mit diesen sind sie naeher verwandt, daß sie die Gewohnheit haben, Jagd auf Rebhuehnereyer zu machen, und davon eine große Anzahl zu verderben.Sie fliegen wie die Saatkraehen in großen Schaaren, und machen wie dieselbe eine Art von Kolonie aus, welche sogar zahlreicher ist, und aus einer Menge Nester besteht, welche, eines ueber das andere, wie Schichten, entweder auf einem großen Baum, oder in einem Kirchenthurm, oder dem Balken eines alten verlassenen Schlosses, gebauet sind. Wenn ein Maennchen und ein Weibchen sich einmahl gepaart haben, so bleiben sie sich lange Zeit getreu, und mit 
einander durch Zuneigung verbunden. Durch diese persoenliche Zuneigung sieht man sie jedesmal, wenn der Fruehling kommt, welcher allen lebendigen Wesen den Trieb zu einer neuen Erzeugung einfloeßt, bewogen, sich einander eifrig aufzusuchen und stets miteinander zu schwatzen. Denn zu dieser Zeit ist das Geschrey der Thiere eine wahre Sprache, welche immer gut ausgedruckt und gut verstanden wird. Man sieht, wie sie sich auf mannigfaltige Weise liebkosen, ihre Schnaebel zusammenstecken, als sie sich kuessen wollten, alle Arten der 
Verbindung versuchen, bevor sie sich der letzten Vereinigung ueberlassen, und sich vorbereiten, um, durch alle Stufen des Verlangens, durch alle Uebergaenge von einer Zaertlichkeit zur anderen, den Zweck der Natur zu 
erreichen. Sie verfehlen niemals, selbst im Stande der Gefangenschaft nicht, diese Liebeserklaerungen vorher gehen zu lassen. Das Weibchen legt, wenn es vom Maennchen befruchtet ist, fuenf oder sechs Eyer, welche mit einigen braunen Flecken, auf einem gruenlichen Grunde, gezeichnet sind. Wenn die Jungen aus dem Eye gekommen sind, traegt das Weibchen Sorge fuer dieselben, ernaehrt sie, und erzieht sie mit einer Liebe, an welchen das Maennchen Theil zu nehmen sich bemueht.Alles dieses gleicht sehr den Kraehen, und hat selbst viele Beziehung auf den Raben. Charleton aber und Schwenckfeld versichern, daß die Dohlen zweymal des Jahres brueten. Dieses hat man noch nie von den Raben noch von den Kraehen gesagt, kommt aber sehr mit der Ordnung der Natur ueberein, nach welcher die kleinsten Arten, auch die fruchtbarsten sind.Die Dohlen sind Zugvoegel, aber nicht so sehr, als die grauen und als die Saatkraehen. Denn es bleibt bestaendig eine große Anzahl derselben den Sommer in Frankreich zurueck. die Thuerme von Vincennes sind zu allen Zeiten, so wie 
alle alte Gebaeude, welche ihnen die Sicherheit und Bequemlichkeit darbieten, von denselben zahlreich bewohnt. Man sieht sie aber immer in Frankreich des Sommers weniger als des Winters. Die, welche wegziehen wollen, versammeln sich, wie die grauen und die Saatkraehen, vorher in großen Schaaren. Bisweilen machen sie nur eine einzige Schaar mit ihnen aus, und hoeren im Fliegen nicht auf zu schreyen. Sie beobachten beym Wegziehen nicht eine und dieselbe Zeit in Frankreich und Deutschland, denn sie verlassen Deutschland mit ihren Jungen im Herbst, und kommen nicht ehe dahin zurueck als im Fruehjahr, wenn sie den Winter bey uns in Frankreich zugebracht haben, und Frisch hat Recht, wenn er versichert, daß sie in ihrer Abwesenheit nicht brueten, und das sie bey ihrer Rueckkunft keine Jungen mitbraechten, denn die Dohlen haben es mit allen anderen Voegeln gemein, daß sie ihre Bruetzeit nicht im Winter haben. In Betracht ihrer innern Theile, will ich blos anmerken, daß sie einen 
muskuloesen Magen, und nahe an der obersten Oeffnung desselben eine Erweiterung des Schlundes haben, welche bey ihnen, wie bey den Kraehen, die Stelle eines Kropfes vertritt, daß aber ihre Gallenblase mehr laenglicht ist. Man kann sie sehr leicht zahm machen, und ohne muehe sprechen lehren. Es scheint, daß es ihnen angenehm sey, als Hausthiere zu leben; aber es sind ungetreue Hausgenossen, welche die ueberflueßige Lebensmittel, welche sie nicht verzehren koennen, verstecken, und welche Geld und Kleinode, die ihnen 
zu nichts nuetzen, wegtragen, und den Eigenthuemer derselben arm machen, ohne selbst reicher zu werden. Um die Geschichte der Dohlen zu vollfuehren, kommt es darauf an, daß man die beyden einlaendischen Racen mit einander vergleicht, und in der Folge, nach unserer Gewohnheit, die Ab-Arten und die auslaendischen Arten hinzu setzt.


Deutsche Namen: Tul, Dhul, Thale, Dahle, Thalecke oder Dahlike, Tole oder Dohle, graue Dohle, Tschokerl, Tahe, Doel.
In Sachsen: Aelcke, Raeyke, Gacke, Schnegaeke.
In der Schweitz: Graake.

aus:
Herrn von Buffons Naturgeschichte der Voegel.
Aus dem Franzoesischen uebersetzt, mit Anmerkungen, Zusaetzen, und vielen 
Kupfern vermehrt, durch
Friedrich Heinrich Wilhelm Martini (Band 1-6) und Bernhard Christian Otto 
(Band 7-20)
20 Baende, Berlin 1772-1793 bey Joachim Pauli, Buchhaendler
Siebenter Band, 1781, Seite 137 ff

gefunden in der Ratsbuecherei Lueneburg (Magazin der wertvollen Altbestaende).

Zur Verfügung gestellt von Herrn Heinz Duellberg


Anmerkung:
Der siebente Band der Naturgeschichte der Voegel beschaeftigt sich fast 
ausschließlich mit Rabenvoegeln und enthaelt u.a. Beschreibungen folgender 
Arten:
Die Steindohle, S. 5 ff
Der Waldrabe oder Scheller, S. 14 ff
Der Rabe, S. 27 ff
Die Raben-Kraehe, S. 77 ff
Die Saat-Kraehe, S. 98 ff
Die graue Kraehe, S. 125 ff
Die Dohlen, S. 137 ff
Die Elster, S. 173 ff
Der Heher, S. 219 ff
Auf insgesamt 362 Seiten (Frakturschrift) werden auch zahlreiche 
auslaendische Voegel beschrieben, die den Rabenvoegeln aehnlich sind. 
Außerdem enthaelt die deutsche Ausgabe zahlreiche Anmerkungen der Uebersetzer 
(Beobachtungen aus verschiedenen deutschen Laendern und vor allem preußischen 
Provinzen) sowie 46 sehr schoene farbige Abbildungen (Kupferstiche). 

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