Seit 15 Jahren betreut Hans Ulrich Stuiber Dohlenkolonien in den Landkreisen Schwäbisch Hall und im Hohenlohekreis  

 

 

Dohlen – des Pastors schwarze Tauben

 

Volksglauben

Die Dohle ist unser kleinster einheimischer Rabenvogel und hat es nicht immer leicht gehabt. Im alten Volksglauben galten Corviden als Todesboten und Zaubervögel. Auf mittelalterlichen Abbildungen sind sie oft zusammen mit Hexen zu sehen.

Den Dohlen sagte man besonders nach, daß sie Unglück bringen und Wetterpropheten seien, die Stürme und Erdbeben hervorrufen können. 

Somit hatten des „Pastors schwarze Tauben“, wie Dohlen wegen ihrer Vorliebe zu Kirchtürmen auch genannt werden, schnell ihren Ruf als vagabundierendes und unglücksbringendes Krähengesindel weg. Leider haftet ihnen das auch noch heute mancherorts an. 

 

 

Verbreitung

Für Dohlen haben wir indes eine ganz besondere Verantwortung. Corvus monedula, das ist der wissenschaftliche Name der Dohle,  gibt es nämlich nur in Europa. Drei Unterarten sind bekannt, die jedoch für den Laien nur schwer auseinanderzuhalten sind. Die erste Unterart (Corvus monedula monedula) lebt in Nordeuropa. Ihr südlichstes Vorkommen liegt in Dänemark. Die zweite Unterart, unsere heimische Dohle (Corvus monedula spermologus), besiedelt Zentraleuropa. Im osteuropäischen Bereich gibt es die Halsbanddohle (Corvus monedula soemmeringii), die sich bei uns regelmäßig als Wintergast aufhält und oft mit Saatkrähen vergesellschaftet ist. Der Vollständigkeit halber sei noch eine kleine versprengte Dohlen-Population in Nordafrika angeführt. Im asiatischen Bereich vertritt die Elsterdohle (Corvus dauuricus) ihre europäischen „Vettern“.

 

 

 

Bestandszahlen

Der Gesamtbestand aller 3 Unterarten in Europa  liegt nach Bauer/Berthold (Brutvögel ME, 1997) zwischen 5,5 bis 29 Millionen Brutpaaren, davon leben in Mitteleuropa 200 000 bis 400 000 Brutpaare. Hier handelt es sich um grobe Schätzungen, genauere Daten sind nicht bekannt.

 

 

 

 

Dohlen in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg ist die Dohle in die Kategorie 2 der Roten Liste eingestuft und somit eine stark gefährdete Art, für die Schutzmaßnahmen dringend erforderlich sind.

Die Bestandsgröße der baden-württembergischen Dohlen wird auf derzeit ungefähr 1000 Brutpaare geschätzt. Mitte der sechziger Jahre konnte noch ein Gesamtsbestand von 4930 Brutpaaren ermittelt werden. 1980 waren es noch 1910 Brutpaare.

Die Anzahl der Brutpaare hat in Baden-Württemberg nach Hölzinger (Die Vögel Baden-Württembergs) somit in den letzten 35 Jahren um 80 Prozent abgenommen

 

 

 

Untersuchungsgebiet

Mein Untersuchungsgebiet liegt im Nordosten von Baden-Württemberg und besteht aus dem Landkreis Schwäbisch Hall und dem Hohenlohekreis.   Zusammen haben beide Landkreise eine Fläche von rund 2260 Quadratkilometern. Die Meereshöhe variiert zwischen knapp 200 m ü.NN und steigt auf über 560 m ü.NN an. Die höchst gelegene Dohlenkolonie (Tannenburg) liegt etwas über 500 Meter NN. Die Kolonie im Kloster Schöntal bei knapp unter 220 m ü.NN.

Sowohl der Hohenlohekreis als auch der Landkreis Schwäbisch Hall sind ländlich geprägt und überwiegend landwirtschaftlich, teilweise intensiv, genutzt.

 

Es gibt sehr viele mittelalterliche Türme, Burgen und Schlösser,  die von Dohlen natürlich gerne zum Brüten genutzt werden (so sie geduldet und nicht ausgesperrt sind).  Insgesamt leben jetzt wieder 150 + X Brutpaare im Untersuchungsgebiet. Das „plus X“ rührt von Mauernischenbrütern und Kamindohlen her, die möglicherweise übersehen worden sind. Durch gezielte Nisthilfen konnte die Anzahle der Brutpaare in einzelnen Kolonien in den vergangenen 12 Jahren verdoppelt werden.

 

 

 

Wo Dohlen brüten

Ursprünglich bevorzugten Dohlen hohle Baumstämme und alte Schwarzspechthöhlen zur Aufzucht ihrer Jungen. Leider gibt es im Landkreis Schwäbisch Hall und im Hohelohekreis derartige Möglichkeiten kaum noch, da entsprechende Baumbestände wie zum Beispiel alte Buchenwälder oder Bäume in Parkanlagen schon vor langer Zeit, teilweise schon um die Jahrhunderwende, gefällt worden sind. Alle Dohlen im Untersuchungsgebiet sind deshalb Gebäudebrüter und so besonders auf Türme, Burgen, Ruinen und Kirchen

angewiesen.  Eine Sonderstellung nehmen hierbei die „Kamindohlen“ ein, die in Kaminen brüten und unter Zuhilfenahme ihrer Flügel regelrecht in den Kamin „einsteigen“.

 

Die „Taubenproblematik“

Eine mehrjährige Beobachtung und Auszählung brütender Dohlen und verwilderter Tauben im Rahmen von Beringungsarbeiten in meinem Untersuchungsgebiet zeigte, daß sich Dohlen und Tauben während der Brutzeit anscheinend nicht sonderlich vertragen.

Bei Gebäuden, in denen Dohlen und Tauben brüteten, galt:

 

·         In den obersten Regionen brüten ausschließlich Dohlen. Gelegentlich anfliegende Tauben werden sofort vertrieben.                                                                                                                                                

·         Die mittlere Region stellt eine Mischzone dar, in der die Anzahl der brütenden Dohlen weit überwiegt. Es gibt allerdings einige wenige Taubenbruten. Die sind jedoch von den Dohlen räumlich sehr weit entfernt. Direkte Sichtweite der Dohlen- und Taubenbrutpaare ist mir nicht bekannt.

·         In der untersten Brutzone findet man keine brütenden Dohlen mehr. Hier gibt es dann ausschließlich Tauben.  

 

Dohlen brüten grundsätzlich bevorzugt so hoch wie irgend möglich. Tauben zogen ihre Jungen stets in den tieferen Etagen auf, wenn im gleichen Gebäude auch Dohlen brüteten. 

In der Vergangenheit wurden viele Gebäude regelrecht verdrahtet, um die verwilderten Haustauben auszusperren. Das war natürlich für so manche Dohlenkolonie auch das Ende.

Allerdings können Tauben auch recht wirksam ausgesperrt werden. Mehr als 25 Zentimeter Höhe zwischen Landemöglichkeit und Unterkante Einflugloch ist für fast alle Tauben unüberwindbar. Für Dohlen indes kein Problem.

 

 

Brutbiologie

Bereits im März kommt Leben in die Dohlenkolonien. Mit imposanten Flug- und Balzspielen jagen die Vögel  umher. Die Flügel leicht gespreizt, stolzieren die Dohlenmänner „macho-like“  herum, um der Damenwelt zu imponieren.

Beim Nestbau arbeiten beide Partner zusammen. Interessant sind die bevorzugten Baumaterialien, die von Kolonie zu Kolonie höchst unterschiedlich sein können, obwohl stets alle verschiedenen Materialien zur Verfügung stehen. So reicht die Palette von konservativ anmutenden, höchst ordentlich gebauten Nestern aus Reisig und Moos bis hin zu „ Schlampernestern“,  die mehr einer Müllkippe ähneln. 

Durchschnittlich werden 5 Eier gelegt und rund 18 Tage lang bebrütet. Wenn die kleinen Dohlen ungefähr 28 Tage alt sind, verlassen sie zum ersten Mal ihr Nest um die Umwelt zu erkunden. Voll flugfähig sind sie allerdings erst mit 35 Tagen.

Dohlen brüten nur einmal im Jahr. Bei Verlust des Geleges oder der Jungvögel findet so kein Ausgleich statt.

 

 

 

Ausfälle und Bruterfolg

Neben dem Nahrungsangebot (große Fluginsekten) wirkt sich besonders die durchschnittliche Niederschlagsmenge während der Brutzeit auf den Erfolg aus. Eine hohe Niederschlagsmenge mit vielen Regentagen führt zu hohen Verlusten der Jungvögel, da neben Kälte und Nässe die Altvögel auch nicht genügend Insekten erbeuten können. 

Hinzu kommt noch der Ausfall durch Beutegreifer wie Wanderfalke, Waldkauz, Steinmarder und Hauskatze, so daß letztendlich die Jugendsterblichkeit im ersten Lebensjahr gut 50 Prozent beträgt. 

Interessant ist, daß die meisten Jungdohlen im "kritischen" Alter zwischen ungefähr 30 und 40 Tagen erbeutet worden sind. Jungdohlen fliegen mit knapp 30 Tagen aus, flattern umher und müssen das richtige Fliegen erst noch lernen. In diesem "kritischen" Alter sind sie natürlich leichte Beute.

 

In zwei Kolonien im Untersuchungsgebiet erbrüteten 35 kontrollierte Brutpaare 148 Junge, die tatsächlich geschlüpft sind. Erbeutet wurden insgesamt 28 Jungdohlen. Durch sonstige Einflüsse (Witterung, Futtermangel) starben 53 Jungdohlen. Die meisten von ihnen in den ersten Lebenstagen. 40 Tage, und damit auch den kritischen Zeitraum nach dem Ausfliegen, schafften 67 Jungdohlen. Eine intensive Beobachtung und Dokumentation der Ausfälle nach dem 40. Lebenstag war nicht möglich.

 

 

Dohlenkolonien hängen zusammen

Durch die gezielte Dohlenberingung hat sich herausgestellt, daß die meisten Kolonien im Landkreis zusammenhängen und ein Austausch zwischen den Vögeln stattfindet. So hat die Kolonie Tannenburg beispielsweise regelmäßig einen sehr hohen Bruterfolg von fast 4 ausgeflogenen Jungvögeln pro Brutpaar. Die anderen Kolonien liegen im Schnitt deutlich darunter (1 -2 ausgeflogene Jungvögel/Brutpaar). Die Tannenburger Dohlen können die hohen Ausfallquoten der anderen Kolonien so  teilweise ausgleichen.

Für die Zukunft der Dohlen in unserem Raum ist der Erhalt jeder Kolonie wichtig. Erfreulich ist, daß immer mehr Menschen von Dohlen regelrecht fasziniert sind. Viele Eigentümer von Gebäuden, in denen Dohlen nisten, sind stolz auf „ihre“ Dohlen. Die Hohenloher Dohlen können so sicherlich optimistisch in die Zukunft blicken. 

 

 

Vogelwarte Radolfzell

Die Ergebnisse der noch andauernden Populationsuntersuchung sind ohne Beringung der Dohlen nicht möglich. Deshalb sei an dieser Stelle der Vogelwarte Radolfzell für die stets freundliche Unterstützung gedankt.

Diese Arbeit steht auch als Beispiel für das sinnvolle Zusammenwirken von Beringung und daraus resultierende Schutzmaßnahmen.   

 

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